Was gehört eigentlich alles zum Core? Viele denken dabei automatisch an sichtbare Bauchmuskeln oder Planks, die man „so lange wie möglich halten“ soll. In Wahrheit ist dein Core aber viel mehr: eine tief liegende, fein abgestimmte Kraftzentrale, die deinen Rücken schützt, deine Haltung stabilisiert, deine Atmung beeinflusst und jede deiner Bewegungen begleitet – vom Niesen bis zum Kreuzheben. In diesem Artikel schauen wir uns an, welche Strukturen wirklich zum Core gehören, wie sie zusammenarbeiten und welche Irrtümer du beim Core-Training besser hinter dir lässt.
Core-Anatomie: Mehr als nur „Bauchmuskeln“
Wenn wir im medizinischen oder trainingswissenschaftlichen Kontext vom Core sprechen, meinen wir nicht nur die sichtbaren geraden Bauchmuskeln, sondern ein komplexes Netzwerk aus Muskeln, Faszien und tiefliegenden Strukturen, die gemeinsam deine Wirbelsäule stabilisieren. Stell dir deinen Core wie einen dreidimensionalen Zylinder vor, der deinen Rumpf von innen stützt: oben das Zwerchfell, unten der Beckenboden, vorne die tiefe Bauchmuskulatur, hinten die tiefen Rückenmuskeln – alles eingebettet in ein kräftiges, elastisches Fasziennetz.
Zu den wichtigsten Core-Strukturen gehören:
- Transversus abdominis – der tiefste Bauchmuskel, der wie ein inneres Korsett arbeitet und den Bauchraum umschließt.
- Multifidi und tiefe Rückenmuskeln – kurze, segmentale Muskeln entlang der Wirbelsäule, die einzelne Wirbel stabilisieren und Mikrobewegungen kontrollieren.
- Beckenbodenmuskulatur – bildet den „Boden“ deines Rumpfzylinders, trägt Organe und reguliert den Druck im Bauchraum.
- Zwerchfell – dein Hauptatemmuskel und zugleich die „Decke“ des Core, der mit jeder Atembewegung Druckverhältnisse im Rumpf beeinflusst.
- Schräge Bauchmuskeln und tiefe Schichten der Rückenstrecker – verbinden Rotation, Seitneigung und Stabilität.
- Faszien im Rumpfbereich – insbesondere die thorakolumbale Faszie, die als kräftige Bindegewebsplatte Kräfte zwischen Becken, Wirbelsäule und Schultergürtel überträgt.
Gemeinsam bilden sie ein System, das weniger auf maximale Kraft als auf feine Koordination ausgelegt ist. Die tiefen Muskeln arbeiten tonisch, das heißt ausdauernd und eher niedrigschwellig. Sie reagieren auf kleinste Haltungsveränderungen, Belastungen und Bewegungsimpulse – oft, bevor du überhaupt merkst, dass du dich bewegst.
Spannend ist, dass moderne Untersuchungen zeigen: Für eine stabile Wirbelsäule reicht es nicht, nur einzelne Muskeln „stark“ zu machen. Entscheidend ist das Zusammenspiel. Lokale, tiefe Muskeln sorgen für die feine Segmentstabilität der Wirbel, während globale Muskeln (z. B. gerader Bauchmuskel, Rückenstrecker, Gesäßmuskeln) größere Bewegungen und Kraftleistungen übernehmen. Wenn der Core gut arbeitet, laufen diese Anteile harmonisch zusammen – wie ein gut geöltes Getriebe.
Was dein Core wirklich leistet – und welche Mythen du vergessen darfst
Der Core hat mehrere zentrale Aufgaben, die weit über das „Flachhalten des Bauches“ hinausgehen. Eine seiner wichtigsten Funktionen ist die Stabilisierung der Wirbelsäule: Indem die tiefen Muskeln mit Faszien, Zwerchfell und Beckenboden zusammenarbeiten, entsteht ein dosierbarer innere Druck im Bauchraum (intraabdomineller Druck), der die Wirbel entlastet und Belastungsspitzen abfedert. Das schützt Bandscheiben, Gelenke und Nervenstrukturen – im Alltag ebenso wie im Training.
Gleichzeitig verbessert ein gut koordinierter Core:
- Haltung und Statik – du richtest dich auf, ohne „ins Hohlkreuz zu fallen“ oder dauerhaft anzuspannen.
- Bewegungsökonomie – Kraftübertragung zwischen Beinen und Oberkörper gelingt effizienter, z. B. beim Heben, Laufen, Springen.
- Balance und Koordination – dein Körper kann plötzliche Störungen besser abfangen.
- Schutz vor Überlastungen – etwa bei monotone Tätigkeiten, langem Sitzen oder ungewohnten Belastungen.
- Atmung und Beckenbodengesundheit – weil Zwerchfell und Beckenboden als Teil des Systems mitsteuern.
Forschung zeigt, dass gezieltes Core-Training Schmerzen und Einschränkungen bei chronischen Rückenschmerzen reduzieren kann – wobei nicht eine einzelne „ideale“ Übung existiert, sondern das Zusammenspiel aus Stabilisation, Bewegung und allgemeiner Aktivität entscheidend ist.
Typische Irrtümer rund um den Core
- Mythos 1: „Core-Training = Sixpack-Training“
Der sichtbare gerade Bauchmuskel (Rectus abdominis) gehört zwar zum Rumpf, ist aber eher ein „Beweger“ als ein feiner Stabilisationsmuskel. Ein gut funktionierender Core kann sogar komplett unsichtbar sein – während ein sichtbares Sixpack keineswegs automatisch für Stabilität sorgt. - Mythos 2: „Je härter du anspannst, desto stabiler der Core“
Dauerhaftes, maximal starkes Anspannen („Bracing“) kann Druck und Verspannungen eher erhöhen als reduzieren. Ziel ist eine angepasste Spannung, die je nach Situation fein reguliert wird – nicht ein Dauerpanzer. - Mythos 3: „Nur wer lange planken kann, hat einen guten Core“
Lange statische Halteübungen sind kein verlässlicher Indikator für gesunde Rumpffunktion. Entscheidend ist, wie gut dein System in Bewegung funktioniert: beim Heben, Drehen, Gehen, Treppensteigen oder beim Tragen von Einkaufstüten. - Mythos 4: „Du musst den Transversus immer aktiv bewusst ansteuern“
Früher wurde häufig empfohlen, den tiefen Bauchmuskel permanent bewusst „einzuziehen“. Heute weiß man: Wichtiger ist, durch sinnvolle Übungen und Atmung eine automatische Aktivierung trainieren zu lassen, statt den ganzen Tag verkrampft den Bauch einzuziehen.
Die Rolle von Zwerchfell und Beckenboden
Besonders spannend ist das Zusammenspiel von Zwerchfell und Beckenboden. Atmest du ein, bewegt sich das Zwerchfell nach unten – idealerweise folgt der Beckenboden elastisch. Atmest du aus, steigen Zwerchfell und Beckenboden wieder nach oben, der Core kann sich aktivieren. So entsteht ein dynamischer Druckwechsel im Rumpf, der für Stabilität sorgt, ohne dass du dauerhaft anspannen musst. Dieses Zusammenspiel ist nicht nur für die Rückengesundheit, sondern auch für Beckenbodenfunktion und Kontinenz entscheidend.

Externe, gut aufbereitete Übersichten zu Core-Anatomie und Zwerchfellrolle findest du zum Beispiel bei Physio-Pedia (englisch) oder in aktuellen Übersichtsarbeiten zum Thema Rumpfstabilität und Rückenschmerz.
Wie du deinen Core sinnvoll trainierst – ohne in typische Fallen zu tappen
Ein gutes Core-Training ist weniger ein „Spezialprogramm“ und mehr eine intelligente Art, deinen Rumpf in Bewegung und Alltag einzubinden. Es sollte aus drei Bausteinen bestehen: Wahrnehmung und Atmung, gezielte Aktivierung und funktionelle Integration in deine Alltags- und Sportbewegungen. Studien zeigen, dass Programme, die Stabilisation und allgemeine Kräftigung kombinieren, bei chronischen Rückenschmerzen besonders hilfreich sein können.
Kurzanleitung: Eine einfache Core-Routine für deinen Alltag
- Schritt 1: Atmung spüren und Zwerchfell „aufwecken“
Setz dich aufrecht hin oder leg dich auf den Rücken. Lege deine Hände seitlich an die unteren Rippen. Atme durch die Nase ein und lass den Bauch weich werden, die Rippen dehnen sich leicht nach außen. Beim Ausatmen durch den Mund stellst du dir vor, wie sich dein Rumpf sanft zentriert, ohne dass du hart gegenhältst. 8–10 ruhige Wiederholungen. - Schritt 2: Inneres Korsett aktivieren – sanfte Tiefenspannung
Bleib in Rückenlage mit aufgestellten Füßen. Atme ein, lass den Bauch weich. Beim Ausatmen ziehst du den unteren Bauchbereich behutsam nach innen, als würdest du einen Reißverschluss einer engen Hose schließen – maximal 20–30 % Kraft. Halte diese Spannung 4–6 Sekunden, weiter ruhig atmend, und löse dann wieder vollständig. 8–10 Wiederholungen. - Schritt 3: Dead Bug – Stabilität unter Bewegung
Bring Arme und Beine in „Tischposition“ (Hüft- und Kniegelenke 90 Grad). Aktiviere dein inneres Korsett wie in Schritt 2. Dann senkst du langsam einen Arm und das gegenüberliegende Bein Richtung Boden, ohne dass sich dein Rücken stark bewegt oder ins Hohlkreuz fällt. Zurück in die Ausgangsposition, Seite wechseln. 4–6 Wiederholungen pro Seite. - Schritt 4: Bird Dog – Anti-Rotation im Vierfüßlerstand
Geh in den Vierfüßlerstand, Wirbelsäule neutral. Aktiviere deinen Core beim Ausatmen und strecke dann einen Arm nach vorn und das gegenüberliegende Bein nach hinten aus. Ziel: Becken bleibt stabil, kein Einsacken in der Lendenwirbelsäule. 6–8 Wiederholungen pro Seite. - Schritt 5: Transfer in den Alltag – bewusstes Heben und Tragen
Überleg dir drei typische Situationen (z. B. Einkaufstasche tragen, Kind hochheben, aus dem Auto steigen). Nimm dir vor, in diesen Momenten bewusst auszuatmen, Core und Beckenboden sanft vorzuspannen und die Bewegung kontrolliert auszuführen. So wird aus Training langfristig eine gesunde Gewohnheit.
Wenn du strukturiert an deiner Rumpfstabilität arbeiten möchtest, lohnt sich die Kombination mit einem gezielten Faszien- und Rückentraining. Wie du Faszien lösen und mobilisieren kannst, erklären wir dir zum Beispiel in unserem Beitrag „Faszien lösen: Warum dein Gewebe Bewegung liebt“ . Und wie ein systematisches Faszientraining aussehen kann, liest du in „Faszientraining in Hohen Neuendorf: Bewegung, die in die Tiefe geht“ .
Fazit: Dein Core ist ein System, kein Einzelmuskel
Dein Core ist weit mehr als eine Ansammlung von Bauchübungen: Er ist ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Zwerchfell, Beckenboden, tiefer Bauch- und Rückenmuskulatur sowie Faszien. Wenn dieses System gut funktioniert, profitierst du von mehr Stabilität, besserer Haltung, weniger Rückenschmerzen und einem insgesamt leichteren Bewegungsgefühl – im Alltag ebenso wie im Training.
Statt dich an Mythen wie „maximales Bracing“ oder „je länger der Plank, desto besser“ zu orientieren, lohnt sich ein ruhiger, systematischer Ansatz: Atmung verstehen, Tiefenspannung aufbauen, sinnvolle Übungen wählen und den Core in deine täglichen Bewegungen integrieren. So wird dein innerer Kraftzylinder zu dem, was er sein soll: eine stabile, elastische Basis für alles, was du tust.
Quellen & weiterführende Literatur
- Hodges PW, Cholewicki J (2007): Functional control of the spine. In: Movement System Control of the Lumbopelvic Region.
- McGill SM (2016): Low Back Disorders – Evidence-Based Prevention and Rehabilitation. Human Kinetics.
- Diaphragm & Trunk Stability – Physio-Pedia (Abruf: 17.11.2025).
- Cheng M et al. (2025): Evaluating the effectiveness of exercise interventions for low back pain. BMC Musculoskeletal Disorders.
- Aktuelle Blog- und Fachartikel zu Core, Atmung und tiefen Rumpfmuskeln (Auswahl, Abruf: 17.11.2025).






