Beckenboden & Core – die unsichtbare Verbindung ist einer der wichtigsten, aber am stärksten unterschätzten Bereiche der funktionellen Gesundheit. Viele trainieren Bauch, Rücken oder Gesäß isoliert – doch die tiefen Systeme des Körpers arbeiten niemals allein. Der Beckenboden ist dabei nicht „irgendein Muskel unten im Becken“, sondern integraler Bestandteil der Core-Matrix, die deine Wirbelsäule stabilisiert, Organe schützt und jede Bewegung effizienter macht. Wer versteht, wie eng Core & Beckenboden zusammenarbeiten, trainiert smarter: weniger Druck, weniger Beschwerden – mehr Stabilität, Kraft und Wohlbefinden.
Warum Beckenboden & Core untrennbar zusammengehören
Der Core umfasst weitaus mehr als die sichtbaren Bauchmuskeln. Er ist ein tiefes Kraft- und Spannungssystem, bestehend aus:
- Beckenboden (untere Begrenzung)
- Zwerchfell (obere Begrenzung)
- Transversus abdominis – die tiefste Bauchmuskelschicht
- Multifidi – tiefe Rückenmuskeln stabilisierend um die Wirbelsäule
- Faszienhülle um Bauch, Becken und Lendenwirbelsäule
Zusammen bilden sie den Inneren Druck- und Stabilitätszylinder. Dieser Zylinder sorgt dafür, dass Bewegungen sicher, kraftvoll und effizient über Rumpf und Beine übertragen werden. Wird eine Ebene gestört, geraten die anderen schnell in Dysbalance:
- Ist der Beckenboden zu schwach → entsteht Instabilität, häufig Rückenschmerzen.
- Ist der Beckenboden zu fest → kann das Zwerchfell nicht frei arbeiten, Atmung wird flach.
- Ist der Transversus inaktiv → steigt der Druck im Bauchraum ungünstig nach unten.
- Ist das Zwerchfell überlastet → reagiert der Beckenboden hektisch, verkrampft oder kompensiert.
Die wichtigste Erkenntnis: Beckenboden & Core sind Partner – und sie funktionieren nur im Team. Deshalb ist ein Training isolierter Crunches oder reiner Beckenbodenübungen selten nachhaltig. Was du brauchst, ist ein Zusammenspiel aus Atmung, Spannung, Aufrichtung und faszialer Elastizität.
Wie die Core-Stabilität entsteht – und warum der Beckenboden dabei den Takt gibt
Core-Stabilität entsteht nicht durch Kraft allein, sondern durch Koordination. Der Beckenboden spielt dabei die Rolle eines Dirigenten – er gibt die „Feinspannung“ vor, die bestimmt, wie sich die anderen Core-Strukturen ausrichten.
- Beim Einatmen senkt sich der Beckenboden sanft → Druck verteilt sich nach unten.
- Beim Ausatmen aktiviert er reflexhaft → Core spannt an, Wirbelsäule stabilisiert.
Dadurch arbeitet das gesamte System wie eine sanfte, aber energieeffiziente Pumpe. Fehlt dieser Rhythmus, kommt es schnell zu:
- verspanntem unteren Rücken
- Gefühlen von Instabilität beim Heben/Tragen
- Druck nach unten beim Training
- Schwäche bei Sprüngen oder schnellen Richtungswechseln
Das Problem vieler Trainingsprogramme
80 % aller Core- und Bauchprogramme trainieren gegen den Beckenboden, nicht mit ihm. Beispiele:
- Crunches ohne Atmung → Bauch presst nach unten.
- Planks mit festem Pressen → Zwerchfell blockiert.
- Intensives Krafttraining bei flacher Atmung → Bauchinnendruck steigt unkontrolliert.
- Faszienverklebungen im Becken/LWS → Beckenboden reagiert zu langsam.
Das Ergebnis: Rücken klemmt. Beckenboden überlastet. Core fühlt sich „schwach“ an.
Praxis: 5 Übungen, die Core & Beckenboden gleichzeitig aktivieren
Die folgenden Übungen sind so ausgewählt, dass sie die tiefen Systeme des Körpers gleichzeitig ansprechen: Atmung, Beckenboden, Transversus abdominis, Faszien und Haltung. Sie eignen sich für Anfänger:innen, Fortgeschrittene – und vor allem für Menschen, die Rückenschmerzen, Instabilität oder Druck nach unten vermeiden möchten.

1. Atem-Connection (Zwerchfell × Beckenboden)
Die Basis jeder Core-Arbeit ist die Verbindung zwischen Atmung und Tiefenmuskulatur. Lege eine Hand auf den unteren Bauch und eine zweite auf dein Brustbein.
- Einatmen: Beckenboden senkt sich sanft, Bauch wird weich.
- Ausatmen: Beckenboden zieht innen-oben, Rippen schließen.
- 2–3 Sekunden halten, dann komplett lösen.
Wirkung: Synchronisiert Zwerchfell und Beckenboden, senkt Druck, verbessert Haltung.
2. Sitzbeinhöcker-Aktivierung
Setze dich aufrecht auf einen festen Stuhl und spüre deine Sitzbeinhöcker.
- Stell dir vor, du möchtest beide Höcker minimal zueinander ziehen.
- Halte 3 Sekunden.
- Komplett lösen.
Wichtig: Kein Gesäß-Anspannen – nur der innere Lift!
3. Core-Wave in Rückenlage
Eine der effektivsten Übungen für die gesamte Core-Kette.
- In Rückenlage, Füße aufgestellt.
- Beim Ausatmen: Beckenboden innen-oben + leichte Beckenkippung.
- Beim Einatmen lösen.
Vorteil: Stärkt Beckenboden, Transversus und fasziale Spannung im unteren Rücken.
4. Vierfüßler-Hebel (Core-Stabilität)
Die Übung trainiert reflexhafte Stabilität in funktioneller Position.
- Vierfüßlerstand, neutraler Rücken.
- Ausatmen: Beckenboden aktivieren.
- Langsam Arm oder Bein strecken – ohne das Becken zu verschieben.
Trainingseffekt: Tiefe Stabilisation – ideal gegen Rückenschmerzen.
5. Standing Core Pulse
Eine Übung für den Alltagstransfer – perfekt fürs Heben, Tragen und Gehen.
- Aufrecht stehen, Füße hüftbreit.
- Mit dem Ausatmen den Beckenboden leicht aktivieren.
- 1–2 Sekunden halten → lösen.
Warum so effektiv? Weil sie exakt dem natürlichen Spannungsreflex entspricht.
Die 7 größten Fehler beim Training von Core & Beckenboden
Viele Beschwerden entstehen nicht durch zu wenig Kraft – sondern durch fehlerhafte Koordination. Diese sieben Punkte sind die häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen, Druck nach unten oder stagnierende Fortschritte:
- 1. Zu viel Druck: Pressatmung beim Training erhöht den Bauchinnendruck massiv.
- 2. Bauch einziehen: sieht schlank aus, schwächt aber den Transversus enorm.
- 3. Gesäß anspannen: kompensiert schwachen Beckenboden, blockiert die Hüfte.
- 4. Crunches / Sit-ups: hohe Druckspitzen, schlechter Transfer in Alltag.
- 5. Daueranspannung: ein angespannter Beckenboden ist ein schwacher Beckenboden.
- 6. Zu schnelle Progression: Stabilität ist ein Nervensystem-Thema, kein Kraftwettkampf.
- 7. Fehlende Atmung: ohne Zwerchfell-Mitspiel kann kein Core funktionieren.
Alltagstransfer: So nutzt du Core × Beckenboden im echten Leben
Die Verbindung der tiefen Core-Struktur kommt besonders in Alltagsmomenten zur Geltung – dort, wo du Stabilität brauchst, ohne bewusst „zu trainieren“. Drei Situationen zeigen perfekt, wie Beckenboden & Core zusammenarbeiten sollten:
1. Beim Heben (Kisten, Kinder, Einkäufe)
- Ausatmen → Beckenboden innen-oben.
- Dann heben.
- Rücken bleibt stabil, Druck geht nicht nach unten.
2. Beim Gehen & Treppensteigen
- Jeder Schritt erzeugt rotatorische Kräfte entlang der Wirbelsäule.
- Ein aktiver Core stabilisiert diese in Mikro-Sekunden.
- Ein reaktionsschneller Beckenboden verhindert „Ziehen“ im unteren Rücken.
3. Beim Sport (Laufen, Krafttraining, Functional Fitness)
- Besserer Abdruck aus der Hüfte.
- Stärkere Rumpfspannung ohne Pressen.
- Weniger Stress für Bandscheiben & Faszien.
Wenn du diese drei Prinzipien im Alltag anwendest, entsteht ein automatischer Reflex: Erst Spannung → dann Bewegung. Das ist das Fundament eines gesunden, belastbaren Körpers.
Weiterführend: Faszientraining in Hohen Neuendorf · Faszientherapie – Behandlung & Prävention
Fazit: Die unsichtbare Verbindung, die alles verändert
Der Beckenboden ist kein isolierter Muskel und der Core ist nicht einfach eine Trainingszone – zusammen bilden sie ein fein abgestimmtes Stabilitätssystem, das jede Bewegung steuert. Wer versteht, wie Atem, Tiefenmuskulatur, Becken und Wirbelsäule zusammenarbeiten, trainiert nicht härter, sondern intelligenter. Das Ergebnis ist ein Körper, der stabiler, elastischer und belastbarer wird – im Alltag, im Sport und in der Regeneration.
Die wichtigste Erkenntnis lautet: Stabilität entsteht nicht durch Pressen oder Kraft, sondern durch Timing. Wenn die Atmung stimmt, der Beckenboden reaktiv mitarbeitet und der Transversus die Tiefe hält, verbessert sich deine gesamte Körperstatik – ein Effekt, der bei Rückenschmerzen, instabilem Becken, Leistungsabfall oder Inkontinenz oft unterschätzt wird.
Mit einem Training, das Atmung, Wahrnehmung, Beckenboden und Core zu einem Team formt, legst du das Fundament für echte Gesundheit: weniger Druck, weniger Spannung, weniger Schmerz – mehr Kraft, mehr Kontrolle, mehr Bewegungskomfort.
Häufige Fragen (FAQ) zur Core–Beckenboden-Verbindung
- 1. Kann man Beckenboden und Core gleichzeitig trainieren?
- Ja, und das ist sogar effektiver. Atmung + Mini-Aktivierung = optimale Core-Spannung.
- 2. Woran merke ich, dass ich zu viel Druck erzeuge?
- Wenn du nach unten drückst, den Atem anhältst oder Spannung im Unterbauch spürst.
- 3. Wie oft sollte ich Core × Beckenboden trainieren?
- 3–5× pro Woche, dafür kurz. 8–15 Minuten reichen vollkommen aus.
- 4. Hilft diese Verbindung bei Rückenschmerzen?
- In vielen Fällen ja – vor allem bei lumbalen Instabilitäten oder faszialen Spannungen.
- 5. Ist zu viel Spannung schädlich?
- Ja. Ein Beckenboden, der nie loslässt, arbeitet ineffizient, verkrampft und schwächt.
Quellen & weiterführende Literatur
- Bø, K. (2004): Pelvic floor muscle training and female stress incontinence. Int Urogynecol J.
- Liebenson, C. (2020): Rehabilitation of the Spine. Wolters Kluwer.
- Hodges, P. (2007): Core stability & motor control. J Electromyogr Kinesiol.
- NICE Guidelines (2019 & 2021): Pelvic floor & incontinence treatment recommendations.
- International Continence Society: ICS Fact Sheets – Core & Pelvic Floor.






