Die richtige Atmung für einen starken Core ist einer der am meisten unterschätzten Faktoren für Stabilität, Kraft und Schmerzfreiheit im Alltag. Viele Menschen trainieren Bauchmuskeln, Beckenboden oder Rücken – aber der Muskel, der all das steuert, wird fast nie beachtet: das Zwerchfell. Es ist der unsichtbare Motor deiner Körpermitte, zuständig für Druckmanagement, Kraftübertragung und die Koordination zwischen Faszien, Core und Beckenboden. Wenn du richtig atmest, arbeitet dein ganzer Rumpf automatisch stabiler – ohne Anstrengung.
Core verstehen: Warum Atmung die Basis von Stabilität ist
Der Core ist kein einzelner Muskel und auch kein Sixpack. Er ist ein funktionelles System aus vier zentralen Komponenten:
- dem Zwerchfell – deinem größten Atemmuskel
- dem Beckenboden – der unteren Druck- und Stützeinheit
- der tiefen Bauchmuskulatur (Transversus)
- den Multifidi – den tiefen Rückenmuskeln entlang der Wirbelsäule
Gemeinsam bilden sie einen „Druckzylinder“. Dieser Zylinder stabilisiert deine Wirbelsäule, hält die Organe im Gleichgewicht, schützt den unteren Rücken und sorgt dafür, dass Bewegungen effizient übertragen werden. Entscheidend ist, dass dieser Zylinder nicht durch Muskelkraft, sondern durch Atemdruck und fasziale Spannung gesteuert wird.
Das Zwerchfell ist dabei der Taktgeber. Wenn du einatmest, zieht es nach unten, erweitert den Brustraum und erhöht den intraabdominalen Druck. Beim Ausatmen hebt es sich wieder. Diese Bewegung koordiniert automatisch den Beckenboden, die tiefe Bauchmuskulatur und das fasziale Netz.
Wenn diese Atmungsmechanik gestört ist – etwa durch Stress, schlechte Haltung, viel Sitzen oder flache Brustatmung – verliert der Core seine Fähigkeit zur automatischen Stabilisation. Das führt zu klassischen Problemen wie Rückenverspannungen, instabilem Becken, zu hartem Bauch oder Überlastung im Beckenboden.
Die wichtigste Erkenntnis: Ein stabiler Core entsteht nicht durch „mehr Kraft“, sondern durch harmonische Druck- und Atemsteuerung
Wie das Zwerchfell deinen Core wirklich steuert
Das Zwerchfell ist mehr als ein Atemmuskel – es ist der zentrale Regler deines intraabdominalen Drucks. Dieser Druck wirkt wie ein hydraulisches Stabilisationssystem, das deine Wirbelsäule schützt, Lasten abfängt und Bewegungen effizient überträgt. Ohne eine gut funktionierende Atemmechanik kann dein Core nicht stabil arbeiten – egal wie stark deine Muskeln sind.
1. Der „hydraulische Core-Zylinder“
Stell dir deinen Core als Inneren Druckzylinder vor. Er besteht aus:
- Zwerchfell – Dach
- Beckenboden – Boden
- Tiefer Bauchmuskulatur (Transversus) – Vorderwand
- Multifidi & tiefe Rückenmuskeln – Rückwand
Beim Einatmen kontrahiert das Zwerchfell, wandert nach unten und erhöht den Druck im Bauchraum. Dieser Druck verteilt sich gleichmäßig in alle Richtungen. Das führt zu einer automatischen Stabilisierung der Wirbelsäule – ganz ohne bewusst „anzuspannen“.
2. Warum Brustatmung den Core schwächt
Viele Menschen atmen überwiegend in die Brust, besonders bei Stress, langer Computerarbeit oder mangelnder Bewegung. Dabei hebt sich der Brustkorb, aber der Bauch bleibt unbeteiligt. Das Problem: Das Zwerchfell bewegt sich kaum.
Die Folgen:
- Core kann sich nicht automatisch stabilisieren
- Beckenboden bleibt in Dauerspannung oder ist zu schwach
- Faszien im Bauch- und Lendenbereich verhärten
- Rücken und Nacken müssen kompensieren

3. Zwerchfell & Faszien – die unsichtbare Verbindung
Das Zwerchfell ist direkt über Faszien verbunden mit:
- Beckenboden
- Lendenfaszie (Thoracolumbalfaszie)
- Psoas-Muskel
- Rippenserratus & Interkostalmuskulatur
Diese faszialen Verbindungen bilden eine Art Spannungsnetz, das jede Atembewegung in Stabilität umwandelt. Wenn die Faszien gut gleiten und elastisch sind, arbeitet der Core automatisch harmonisch – du musst nicht bewusst „anspannen“.
4. Die Rolle des Nervensystems
Ein stabiler Core ist keine Muskelkraftfrage, sondern eine Steuerungsfrage. Das vegetative Nervensystem entscheidet, welche Spannungsmuster dein Körper wählt:
- Sympathikus (Stress): flache Brustatmung, harte Bauchwand, angespannter Beckenboden → instabile Wirbelsäule
- Parasympathikus (Ruhe): tiefe Zwerchfellatmung, elastische Faszien, automatisches Druckmanagement
Die richtige Atmung ist damit nicht nur Training, sondern ein „Reset“ für die gesamte Core-Funktion.
5. Warum viele Trainingsprogramme scheitern
Crunches, Sit-ups oder statische Planks bringen wenig, wenn das Zwerchfell blockiert ist. Typisch ist der Effekt:
- „Ich trainiere viel, aber mein Core fühlt sich nicht stabil an.“
- „Ich bekomme Rückenschmerzen trotz Training.“
- „Ich merke nichts im tiefen Bauchbereich.“
Die Ursache ist fast immer dieselbe: Das Zwerchfell arbeitet nicht frei – dadurch fehlt die Grundlage für Stabilität.
Praxis: So trainierst du Atmung & Core richtig
Damit dein Core automatisch stabil arbeitet, brauchst du keine komplizierten Übungen – sondern eine funktionierende Atemmechanik. Die folgenden Schritte zeigen dir, wie du dein Zwerchfell aktivierst, den Beckenboden entlastest und deine Core-Stabilität sofort verbesserst.
1. Die 3-Stufen-Basisroutine
- Zwerchfell mobilisieren (60 Sekunden)
Lege eine Hand auf die Unterrippen. Atme sanft in die Flanken und den unteren Bauch, sodass sich die Rippen seitlich weiten. Kein Hochziehen der Schultern. Ziel: elastische Atembewegung. - Beckenboden-Sync (60–90 Sekunden)
Beim Einatmen lösen sich Beckenboden und Bauch. Beim Ausatmen heben sie sich sanft. Kein Pressen, kein Einziehen. Dadurch aktiviert sich dein Core automatisch. - Core-Stabilisierung im Alltag (30–60 Sekunden)
Atme ein → Zwerchfell senkt sich. Atme aus → Beckenboden + Transversus aktivieren sich. Nutze dieses Timing beim Heben, Strecken oder Aufstehen.
2. Die besten Übungen für Atmung & Core
- 90-90 Atmung (Rückenlage)
Beine im rechten Winkel auf Stuhl/Bank. Atme in den unteren Brustkorb, stell dir vor, die Rippen spreizen sich seitlich. Ausatmen → Beckenboden hebt sich leicht. Perfekt bei Rückenverspannungen. - Rippen-Flanken-Dehnung
Ein Arm über Kopf, leichte Seitneigung. Atme in die geöffnete Flanke hinein. Dies löst fasziale Spannung und verbessert die Atemexpansion. - Alltags-Core (stehend)
Einatmen → Zwerchfell runter. Ausatmen → Beckenboden + tiefer Bauch aktiv. Nutze dies bei Alltagbewegungen (Heben, Tragen, Drehen). - Quadruped-Breathing (Vierfüßlerstand)
Atme in den unteren Brustkorb. Beim Ausatmen aktivierst du tiefe Bauchspannung → extrem effektiv für Rücken & Becken. - „Long Exhale Reset“
Ausatmen doppelt so lang wie Einatmen. Beispiel: 4 Sekunden ein, 8 Sekunden aus. Reduziert Stress und entspannt den Beckenboden.
3. Häufige Fehler – und wie du sie vermeidest
- Zu viel Bauch einziehen: blockiert das Zwerchfell, verhindert Core-Stabilität.
- Hochgezogene Schultern: Nacken nimmt die Arbeit des Brustkorbs ab → Brustatmung.
- Falscher Druck: Pressatmung (Valsalva) überlastet den Beckenboden.
- Zu viel Spannung im Alltag: Core soll dynamisch arbeiten, nicht dauerhaft fest sein.
Weiterführend: Faszien Funktionen: Gesundheit & Mobilität · Core-Training: Die Basis für Kraft, Stabilität und schmerzfreie Bewegung
Fazit
Die richtige Atmung ist die Grundlage für jeden starken Core. Sobald dein Zwerchfell frei arbeitet, stabilisieren Beckenboden, tiefe Bauchmuskulatur, Rücken und Faszien automatisch. Du musst nicht „hart anspannen“ – du musst nur die richtige Atemmechanik aktivieren. Wer Atmung, Core und Faszien zusammen trainiert, gewinnt Stabilität, Beweglichkeit und weniger Schmerzen im Alltag.
Quellen & weiterführende Literatur
- Hodges, P. (2019): Neuromotor Control of the Core. Journal of Orthopaedic Research.
- Myers, T. (2020): Anatomy Trains. Elsevier.
- Schleip, R. (2014): Faszien – Gewebe des Lebens. Springer.
- National Library of Medicine – Atemmechanik & Core-Stabilisierung (Reviewartikel).






