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Viszerale Faszien: Der Bauch als emotionaler und faszialer Schmerzspeicher
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Die meisten Menschen sehen den Bauch nur als Zentrum der Verdauung und des Stoffwechsels. Doch der Bauchraum ist auch der wichtigste emotionale und fasziale Speicher des Körpers. Hier befinden sich nicht nur die Organe, sondern auch deren viszerale Faszien – das Aufhänge- und Gleitgewebe, das eng mit unserer Haltung, Atmung und unserem Nervensystem verwoben ist. Als Therapeut weiß ich, dass viele chronische Rücken-, Hüft- und sogar Nackenschmerzen ihren Ursprung in einer Anspannung dieser viszeralen Faszien haben.

Stress, schlechte Ernährung oder chronische Entzündungen (wie bei entzündlichen Darmerkrankungen) führen zu Verklebungen im Bauchraum. Diese Verklebungen können Zug auf die Lendenwirbelsäule ausüben, den zentralen Psoas-Muskel blockieren und die Funktion des Zwerchfells stören. In diesem Deep Dive erfährst Du, warum die Behandlung des Bauches für die Lösung chronischer Schmerzen entscheidend ist und welche sanften Techniken Du anwenden kannst, um diese tief liegenden Spannungen zu befreien.

I. Die viszerale Architektur: Faszien im Bauchraum

Im Gegensatz zu den Faszien an Armen und Beinen, die der Kraftübertragung dienen, haben die viszeralen Faszien drei Hauptaufgaben:

  1. Aufhängung (Suspension): Sie halten die Organe an der Wirbelsäule und am Becken fixiert.
  2. Beweglichkeit (Mobilität): Sie ermöglichen es den Organen, sich beim Atmen oder Bewegen gegeneinander zu verschieben (Gleitschicht).
  3. Schutz (Innervation): Sie sind reich an Nervenenden, die Informationen an das Gehirn senden (Darm-Hirn-Achse).

1. Der Psoas-Muskel: Zentrales Opfer der viszeralen Spannung

Der Psoas Major (großer Lendenmuskel) ist der stärkste Hüftbeuger und ein wichtiger Stabilisator der LWS. Er verläuft direkt hinter den Bauchorganen (Nieren, Darm, Appendix) und ist über eine gemeinsame Faszie eng mit ihnen verbunden. Wenn Organe entzündet (z.B. bei Morbus Crohn oder Reizdarm), traumatisiert oder chronisch verspannt sind, verklebt die umgebende viszerale Faszie. Dieser Zug wird direkt auf den Psoas übertragen, was zu seiner chronischen Verkürzung und Versteifung führt.

Folgen eines verspannten Psoas:

  • Chronische Schmerzen in der Lendenwirbelsäule (LWS) und im Iliosakralgelenk (ISG).
  • Ausstrahlung in die Leiste und den vorderen Oberschenkel (oft verwechselt mit Ischias).
  • Veränderte Haltung und Gangbild.

2. Die Verbindung zur Atmung: Zwerchfell und Organe

Das Zwerchfell (Diaphragma) ist die mechanische Pumpe des Bauchraums. Bei jeder tiefen Einatmung drückt das Zwerchfell nach unten und massiert die Organe. Dies fördert die Durchblutung und die Gleitfähigkeit der viszeralen Faszien.

Wenn die viszeralen Faszien verklebt sind, kann das Zwerchfell nicht frei nach unten expandieren. Die Folge ist die bereits bekannte flache Brustatmung, was den Stress-Modus (Sympathikus) fördert und die Entspannung (Parasympathikus) hemmt. Ein gesunder Bauch ist somit die Voraussetzung für eine gesunde, tiefe Atmung.

II. Der Bauch als emotionaler und Stress-Speicher

Die viszeralen Faszien reagieren extrem sensibel auf psychischen Stress und emotionale Traumata. Nicht umsonst sprechen wir von "Bauchgefühl" oder einer "Angst, die den Bauch zusammenzieht".

1. Die Darm-Hirn-Achse und die fasziale Spannung

Der Darm ist über den Vagus-Nerv und das enterische Nervensystem (das "Bauchhirn") direkt mit dem Gehirn verbunden. Emotionale Belastung führt oft zu einer reflektorischen Anspannung der gesamten Bauchwand. Wenn dieser Zustand chronisch wird, verhärtet sich die viszerale Faszie. Sie speichert quasi die "Körpererinnerung" an den emotionalen Stress, selbst wenn die ursprüngliche Stressquelle verschwunden ist.

Diese chronische Anspannung in der Tiefe behindert die natürliche Gleitfähigkeit und Beweglichkeit der Organe. Die Folge: Verdauungsprobleme, chronische Schmerzen und eine permanente Aktivierung des sympathischen Nervensystems.

2. Entzündung und Adhäsionen

Chronische Entzündungen (z.B. bei Reizdarm oder entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn) führen zu Vernarbungen und Adhäsionen (Verwachsungen) der viszeralen Faszien. Diese Adhäsionen können Organe an andere Strukturen heften und deren natürliche Mobilität stark einschränken. . Dies ist eine häufige, aber oft übersehene Ursache für therapieresistente Rückenschmerzen. Wenn ein Organ nicht mehr frei gleiten kann, muss die Wirbelsäule kompensieren.

Uli – dein Faszien- & Schmerzcoach
Ulis Expertise-Tipp:

Als jemand mit Erfahrung im Umgang mit Morbus Crohn weiß ich, dass akute entzündliche Phasen massive viszerale Anspannung verursachen. Der Bauch zieht sich zusammen, und ich spüre das Ziehen sofort im unteren Rücken. Die traditionelle Therapie konzentriert sich auf die Entzündung, aber die mechanische Spannung in den Faszien bleibt oft. Deshalb empfehle ich in Remissionsphasen die sanfte, viszerale Selbstmassage und das Lösen des Psoas, um die Adhäsionen zu lockern und dem Darm wieder Raum und Beweglichkeit zu geben. Das hat einen enormen Einfluss auf die allgemeine Schmerzwahrnehmung.

👐 III. Viszerale Mobilisation: Sanfte Techniken zur Entspannung

Die viszerale Selbstmassage sollte immer sanft, langsam und mit Respekt vor den Organen durchgeführt werden. Sie zielt darauf ab, die Gleitfähigkeit der Faszien wiederherzustellen und den Vagus-Nerv zu beruhigen.

Phase 1: Hydratation und Vorbereitung

Beginne die Behandlung immer mit einer tiefen Zwerchfell-Atmung (siehe Artikel 1). Dies hydriert das Gewebe von innen und entspannt die Bauchwand, was die tieferen Schichten besser zugänglich macht. Trinke vor der Übung ausreichend Wasser.

Phase 2: Lösung der Bauchwandfaszie

Lege Dich auf den Rücken, die Knie sind angestellt. Beginne mit sehr sanften, großflächigen Kreisbewegungen im Uhrzeigersinn (Richtung des Dickdarms), beginnend am rechten Unterbauch und endend am linken Unterbauch. Nutze die flachen Hände, nicht nur die Fingerspitzen. Dies löst die oberflächliche Bauchfaszie und fördert die Darmperistaltik.

Lösung der Bauchwandfaszie
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Phase 3: Sanfte Tiefenarbeit (Viszerale Mobilisation)

Gehe nun sanft tiefer, besonders in den kritischen Übergangszonen:

  • Rippenbogen-Release: Mit den Fingerspitzen sanft unter den Rippenbogen drücken (wie im Zwerchfell-Artikel). Halte den Druck und atme tief ein und aus. Dies mobilisiert Leber- und Magenfaszie.
  • Psoas-Einstieg: Finde den Bereich ca. drei Fingerbreit vom Bauchnabel entfernt, auf Höhe der Hüftknochen. Drücke sehr sanft und langsam tiefer. Atme in den Druck hinein. Dies ist oft der schmerzhafteste Punkt und signalisiert Psoas- oder tiefe viszerale Spannung. Wichtig: Bleibe immer unterhalb Deiner Schmerzgrenze (max. 3/10 Schmerz) und vermeide plötzlichen oder aggressiven Druck.
  • Ileo-Zökal-Ventil (rechter Unterbauch): Ein kritischer Punkt, oft verspannt bei Verdauungsproblemen. Sanfte, kreisende Bewegungen in diesem Bereich helfen, die tiefen Faszien zu entspannen.

Phase 4: Integration (Psoas-Dehnung)

Nach der Lösung der viszeralen Spannung muss der Psoas sanft in die Länge gebracht werden. Führe die Dynamische Hüftbeuger-Dehnung (aus dem Oberschenkel-Artikel) durch: Halbkniestand, Becken sanft nach vorne schieben. Integriere dabei die tiefe Bauchatmung. Die Dehnung ist jetzt effektiver, da die faszialen Fixierungen gelöst sind.

📊 IV. Viszeraler Faszien-Plan: Übungen zur Schmerzlösung

Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Techniken zur Entspannung der viszeralen Faszien zusammen.

Viszeraler Faszien-Plan gegen Rückenschmerz
Zielzone/Phase Technik (Fokus) Intensität/Fokus Häufigkeit
Phase 1: Vorbereitung 360-Grad-Zwerchfell-Atmung (Liegend) Sanfte, tiefe Bauchatmung. 5 Minuten, Fokus auf die Entspannung. Täglich (Start)
Phase 2: Oberfläche Großflächige Bauchmassage (Uhrzeigersinn) Sehr sanfter Druck, Handflächen. Ziel: Lösen der Haut- und Oberfaszie. Täglich, 3–5 Minuten
Phase 3: Tiefe Psoas-Einstieg (3 Finger vom Nabel) Extrem sanft, Atmen in den Druck. Max. 3/10 Schmerz. 3–4 mal pro Woche
Phase 4: Dehnung Hüftbeuger-Dehnung (dynamisch mit Atmung) 8–10 Wiederholungen pro Seite, aufrechte Core-Haltung beibehalten. Alle 2 Tage

💡 V. Prävention und Langzeiterfolg: Die emotionale Komponente

Die nachhaltige Lösung viszeraler Spannungen erfordert mehr als nur mechanische Arbeit – sie erfordert Stressmanagement und Achtsamkeit.

1. Achtsamkeit und das Bauchgefühl

Lerne, auf die Signale Deines Bauches zu hören. Chronischer Stress, der sich als "Kloß im Magen" manifestiert, ist ein direktes fasziales Spannungssignal. Nutze Techniken wie Meditation, um das sympathische Nervensystem bewusst herunterzufahren. Dies reduziert die reflektorische Anspannung der Bauchfaszie und verhindert neue Verklebungen.

2. Hydratation und Ernährung

Viszerale Faszien benötigen eine konstante Hydratation, um ihre Gleitfunktion aufrechtzuerhalten. Eine Entzündung oder Dehydratation führt schnell zu Adhäsionen. Zusätzlich spielt die Darmgesundheit eine kritische Rolle: Eine darmfreundliche, entzündungshemmende Ernährung reduziert die primäre Reizung der Organe und deren Faszien. Eine hohe Aufnahme von Wasser und Magnesium (für die Entspannung) ist hier essenziell.

3. Die Haltung im Sitzen

Langes Sitzen in einer gebeugten Haltung (Flexion) verkürzt und verengt den gesamten Bauchraum. Dies komprimiert die viszeralen Organe und fixiert die Faszien in einer angespannten Position. Stehe regelmäßig auf, strecke Dich nach hinten (Extension) und praktiziere die Zwerchfell-Atmung, um dem Bauchraum wieder Weite und Freiheit zu geben.

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Vertiefe Dein Wissen über die Zusammenhänge von Faszien, Core und Gesundheit:

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🔥 Fazit und Dein nächster Schritt

Der Bauchraum ist das verborgene Zentrum vieler chronischer Schmerzsyndrome. Durch die gezielte Arbeit an den viszeralen Faszien und dem mächtigen Psoas-Muskel löst Du nicht nur körperliche Fixierungen, sondern auch emotionale Spannungen. Integriere die sanfte viszerale Selbstmassage und die tiefe Zwerchfell-Atmung fest in Deinen Alltag, um Deinem Bauchraum die Freiheit zurückzugeben, die er für Deine Gesundheit und Schmerzfreiheit benötigt.

Hinweis zu Quellen: Dieser Artikel basiert auf den klinischen Prinzipien der Viszeralen Osteopathie (nach Jean-Pierre Barral), der Somatic Experiencing (Traumalösung) und aktuellen Studien zur Darm-Hirn-Achse.

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Über den Autor

Ulrich Pötter

Ulrich Pötter

( Gründer & CEO )

Der Autor Ulrich Pötter ist staatlich anerkannter Therapeut, Präventionsexperte und seit über 25 Jahren in der Branche aktiv tätig. Er hat neben den FASZINIEREND Praxen fünf Bildungsakademien gegründet, bei denen er auch heute noch Direktor/CEO ist. Mehr als 20.000 Absolventen aus ganz Europa haben bisher seine Lehrgänge besucht und seit vielen Jahren ist er zudem exklusiver Ausbildungspartner bei der KLETT-Gruppe, Deutschlands führender Fernschulen, und gibt dort seine langjährige Erfahrung & Expertise in den Bereichen Faszien, Wirbelsäule, Schmerzen, Therapie, Medical Fitness, MTT, Massage, Wellness, Ernährung und Prävention an Interessierte Menschen und Therapeuten weiter.

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