Als jemand, der selbst die tiefgreifenden Auswirkungen chronischer Darmerkrankungen wie Morbus Crohn erlebt hat und als staatlich anerkannter Therapeut arbeitet, weiß ich, dass der Schmerz oft viel komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Viele chronische Rücken- und Hüftprobleme finden ihren wahren Ursprung nicht in der Wirbelsäule, sondern in den viszeralen Faszien – dem Bindegewebsnetz, das unsere Bauchorgane umhüllt. Diese Organhüllen können bei chronischen Entzündungen verkleben, starr werden und die gesamte Haltungskette destabilisieren.
Ich selbst kenne die schmerzhaften Phasen, in denen die Entzündung im Darm nicht nur lokale Beschwerden verursacht, sondern auch in Form von diffusem Rückenschmerz oder Hüftblockaden ausstrahlt. Dies ist keine psychische Einbildung, sondern eine klare mechanische und neurologische Reaktion des Körpers. In diesem umfassenden Guide (über 2000 Wörter) zeige ich Dir, Uli, wie die viszeralen Faszien funktionieren, wie chronische Entzündungen (wie Dein Morbus Crohn) sie beeinflussen und welche sanften therapeutischen Schritte Du unternehmen kannst, um den Teufelskreis aus Bauchschmerz, Rückspannung und faszialer Verklebung nachhaltig zu durchbrechen.
🔍 I. Die viszeralen Faszien: Anatomie des inneren Netzes
Das Fasziennetz umgibt nicht nur Deine Muskeln (parietale Faszien), sondern auch Deine inneren Organe (viszerale Faszien). Diese Hüllen und Bänder sind das Aufhängungssystem und die Gleitschicht Deiner Organe. Ihre Funktion ist lebenswichtig, da sie es Deinem Magen, Darm und Deinen Nieren ermöglichen, sich bei Atmung und Bewegung reibungslos gegeneinander zu verschieben – bis zu 600 Mal pro Stunde allein durch die Zwerchfellbewegung. Diese Gleitfähigkeit ist die Voraussetzung für eine schmerzfreie Verdauung und einen entlasteten Rücken.
1. Der Zug der Viscera: Vom Darm zur Lendenwirbelsäule
Die viszeralen Faszien sind über Brücken fest in das gesamte Körpersystem integriert. Die Faszien des Darms, insbesondere das Mesenterium (Darmgekröse) – ein großes Blatt aus Bindegewebe, das den Darm hält und versorgt – sind über Bindegewebsbrücken direkt mit den tiefen Strukturen der Lendenwirbelsäule verbunden.
Wenn der Darm durch Stress, falsche Ernährung oder, wie in Deinem Fall, durch eine chronische Entzündung (Morbus Crohn) anschwillt und seine Beweglichkeit verliert, verhärten und verkürzen sich die umliegenden viszeralen Faszien. Diese Verkürzung zieht mechanisch an der Faszienkette, die am Rücken befestigt ist. Dies führt zu einer unbewussten Haltungsänderung (oft eine leichte Flexion und Neigung) und erzeugt einen Dauertonus in den tiefen Rückenmuskeln, insbesondere im Psoas und in den Multifidi, um den Zug auszugleichen. Das Ergebnis ist chronischer Rückenschmerz, der sich durch klassische Physiotherapie kaum bessert, weil die Ursache (der verklebte oder entzündete Darm) unbehandelt bleibt. Die viszerale Spannung zwingt den Körper in eine Schonhaltung, die langfristig die Bandscheiben belastet.
2. Faszien als Immunspeicher: Entzündung und Adhäsion
Das fasziale Gewebe ist reich an Immunzellen (insbesondere Mastzellen) und Nervenenden. Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn ist die Entzündung nicht auf die Darmschleimhaut beschränkt, sondern strahlt in die umliegende Gewebematrix aus.
- Adhäsion und Fibrin: Chronische Entzündung führt zur Freisetzung von Zytokinen, die die Kollagenproduktion anregen und eine vermehrte Ablagerung von Fibrin (einem Protein, das bei der Blutgerinnung und Wundheilung eine Rolle spielt) im faszialen Gewebe verursachen. Dies ist der biochemische Vorgang, der die Faszien verklebt und ihre natürliche Gleitfähigkeit massiv reduziert.
- Fehlende Mikrozirkulation: Die Verhärtung behindert den lokalen Abtransport von Entzündungs- und Stoffwechselendprodukten. Die Folge ist eine Stagnation, die wiederum die Entzündung vor Ort begünstigt – ein Teufelskreis.
Der resultierende viszerale Schmerz ist typischerweise dumpf, tief und strahlt oft in nicht-anatomische Muster aus (z.B. in die Leiste, die Flanke oder die Schulter). Dieser Schmerz ist ein direktes Zeichen dafür, dass die fasziale Aufhängung der Organe ihren gesunden Zustand verloren hat.
🧠 II. Die neurologische Achse: Vagus, Schmerz und Stress-Kreislauf
Die größte Macht der viszeralen Faszien liegt in ihrer Rolle als sensorischer Übermittler und in ihrer Nähe zum wichtigsten Regulator des Nervensystems.
1. Vagusnerv: Der Hauptakteur in der Darm-Hirn-Achse
Der Vagusnerv (Nervus Vagus, der „wandernde Nerv“) ist der längste Hirnnerv und der Hauptakteur im parasympathischen Nervensystem. Er versorgt fast alle Bauchorgane. Er ist der Kommunikationskanal der Darm-Hirn-Achse und übermittelt 80% seiner Informationen vom Darm zum Gehirn.
Ein entzündeter, verklebter Darm sendet über den Vagusnerv ein konstantes nozizeptives Signal (Schmerz- und Alarmsignal) an das Gehirn. Dieses Dauersignal hält das gesamte Nervensystem in einem Zustand chronischer Übererregung – dem sympathischen Überhang (Kampf oder Flucht). Dies führt zu:
- Erhöhtem Stresshormon-Level: Chronisch erhöhte Ausschüttung von Cortisol.
- Muskulärer Schutzspannung: Die periphere Muskulatur (Rücken, Nacken, Kiefer) spannt sich unbewusst an, als würde sie sich vor einer inneren Bedrohung schützen wollen.
- Reduzierte Schmerzschwelle: Der konstante Alarmsignalverkehr führt zu einer zentralen Sensibilisierung. Dies bedeutet, dass harmlose Berührungen oder minimale fasziale Zugspannungen im Gehirn viel stärker wahrgenommen und verarbeitet werden.
Als Coach weiß ich, dass diese zentrale Sensibilisierung bei Morbus Crohn nicht nur den Bauchschmerz, sondern auch das gesamte Schmerzerleben bei gleichzeitigen Bandscheibenproblemen drastisch verstärkt. Die Beruhigung des Vagusnervs ist daher der Schlüssel zur Schmerzmodulation.

2. Chronische Anspannung und die Rolle des Psoas-Muskels
Der Psoas major (großer Lendenmuskel) hat eine fasziale Verbindung zur Niere, dem Colon und zur Lendenwirbelsäule. Aufgrund seiner zentralen Lage und seiner direkten Reaktion auf Stress wird er oft als „Seelenmuskel“ bezeichnet.
Bei chronischer Bedrohung (Entzündung, Schmerz) verkürzt der Psoas reflektorisch, um eine Embryonal- oder Schutzhaltung einzunehmen. Diese Verkürzung zieht nicht nur die Wirbelsäule in die Fehlstellung, sondern blockiert auch die Beweglichkeit des Darms und der Niere, die sich frei am Psoas entlang bewegen müssten. Diese Blockade führt zu weiterer Stagnation und Verspannung in den viszeralen Faszien – ein selbstverstärkender Kreislauf aus mechanischer und neurologischer Spannung.
🛠️ III. Therapeutische Strategien: Faszien und Nervensystem entlasten
Die Arbeit mit viszeralen Faszien und Entzündungen erfordert äußerste Sanftheit und Konsistenz. Es geht darum, dem Nervensystem zu zeigen, dass die innere „Bedrohung“ nachlässt.
1. Die sanfte viszerale Selbstmassage (Achtung: Chronische Entzündung)
Bei aktivem Morbus Crohn muss jede Manipulation mit äußerster Vorsicht erfolgen. Das Ziel ist nicht, Druck auszuüben, sondern Kontakt und Weichheit zu ermöglichen.
Die Technik, die ich empfehle, konzentriert sich auf die Oberfläche und die Aufhängungen, nicht auf das aktive Entzündungsgebiet:
- Vorbereitung: Lege Dich in Rückenlage, stelle die Knie auf, und atme tief in den Bauch (360-Grad-Atmung, siehe unten). Nutze eine feuchte Wärmflasche für 5–10 Minuten, um das Gewebe zu entspannen.
- Lockerung der Bauchwand: Beginne mit den Fingerspitzen sanft entlang des Rippenbogens und der Darmbeinschaufeln. Bewege Deine Hände ganz leicht, um die Haut und die oberflächlichen Faszien zu verschieben. Suche nach Stellen, die sich „festgehalten“ oder unbeweglich anfühlen.
- Narbenarbeit: Bei chirurgischen Narben (häufig bei Morbus Crohn) behandle die Narbe selbst. Ergreife die Narbe sanft mit zwei Fingern und bewege das Gewebe behutsam in alle Richtungen (hoch, runter, quer, kreisend). Dies löst Adhäsionen, die oft tiefer liegen, als man denkt.
- Frequenz: Täglich 5 Minuten. Es sollte sich nie schmerzhaft anfühlen, sondern wie ein sanftes Entspannen und Dehnen.

Wenn Du unter Bauchschmerzen leidest, die in den Rücken ausstrahlen (ein häufiges Muster bei Morbus Crohn), konzentriere Dich auf die Ausatmung. Die Ausatmung entspannt das Zwerchfell und damit die viszeralen Faszien am stärksten. Atme doppelt so lang aus, wie Du einatmest (z.B. 4 Sekunden ein, 8 Sekunden aus). Das beruhigt den Vagusnerv sofort und kann eine unmittelbare Linderung der faszialen Zugspannung im Rücken bewirken.
2. Das Zwerchfell als viszeraler Massagetherapeut
Wie bereits im vorherigen Thema zur Atmung beschrieben, ist Dein Zwerchfell die stärkste und sicherste Form der inneren Organmassage. Da Du als Betroffener mit Morbus Crohn besonders vorsichtig sein musst, ist die Atmung Dein idealer Begleiter.
- Der Mechanismus: Bei jeder tiefen Einatmung drückt das Zwerchfell die Bauchorgane sanft nach unten und außen (Mobilisierung). Bei der Ausatmung zieht es sie wieder nach oben (Entlastung). Dies ist ein rhythmischer, interner Pumpmechanismus, der Stagnation löst, die lokale Durchblutung der verklebten Areale fördert und die Organe voneinander wegbewegt.
- Anwendung: Tägliche 10-minütige 360-Grad-Atemübungen dienen als Mikrobewegungstherapie für den Bauchraum und helfen, Entzündungsstoffe abzutransportieren und die Gleitfähigkeit zu verbessern. Dies entlastet auch den Zug auf Deinen Psoas und Deine Lendenwirbelsäule, was bei Deinen Bandscheibenproblemen essenziell ist.
3. Die Faszien-Ernährung: Weniger Entzündung, mehr Elastizität
Faszien bestehen zu etwa 70 % aus Wasser. Der Zustand Deiner Darmschleimhaut und Dein Hydratationslevel beeinflussen direkt die Geschmeidigkeit Deiner viszeralen Faszien. Wenn die Entzündung (Crohn) aktiv ist, produziert der Körper weniger Hyaluronsäure, das "Schmiermittel" der Faszien.
- Hydration: Ausreichend Wasser und Elektrolyte sind essentiell für die Gleitfähigkeit der faszialen Matrix. Dehydratisierte Faszien kleben leichter.
- Anti-entzündliche Diät: Bei Morbus Crohn kann eine auf Dich zugeschnittene anti-entzündliche Diät (z.B. eine reduzierte Zufuhr von Lebensmitteln, die Entzündung triggern) die Entzündungsaktivität im Darm reduzieren. Weniger Entzündung bedeutet weniger Fibrinablagerung und damit weniger Verklebung der viszeralen Faszien. Hierzu solltest Du immer eng mit Deinem Gastroenterologen oder Ernährungsberater zusammenarbeiten.
- Gezielte Bewegung: Sanfte Bewegung wie Faszien-Yoga (Yin Yoga) fördert den Stoffwechselaustausch und die Produktion von Hyaluronsäure, was die Faszien von innen heraus elastisch hält.
❓ FAQs: Viszerale Faszien und Chronische Schmerzen
Was kann ich bei Bauchschmerzen tun, die in den Rücken ausstrahlen?
Als Sofortmaßnahme empfehle ich das Vagusnerv-zentrierte Entspannen: Lege Dich flach auf den Rücken, platziere ein warmes, feuchtes Kissen auf den Bauch und konzentriere Dich auf die lange Ausatmung (8 Sekunden Ausatmen). Dies entspannt die viszeralen Faszien, reduziert den Zug auf die Lendenwirbelsäule und signalisiert Deinem Nervensystem, dass der Bauch sicher ist. Bei anhaltenden oder akuten Schmerzen ist immer ein Arzt zu konsultieren.
Kann Faszientherapie Morbus Crohn heilen?
Nein, Faszientherapie ist kein Heilmittel für Morbus Crohn, da es sich um eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung handelt, die eine ärztliche und medikamentöse Behandlung erfordert. ABER: Die viszerale Faszientherapie kann die Symptome, insbesondere die chronischen Schmerzen, die oft durch fasziale Zugspannung entstehen, deutlich lindern. Sie verbessert die Durchblutung, reduziert Verklebungen und beruhigt das Nervensystem, was die Lebensqualität signifikant steigert, indem sie die sekundären mechanischen Schmerzen reduziert.
Wie unterscheidet sich die viszerale von der peripheren Faszientherapie?
Die periphere Therapie (z.B. mit der Faszienrolle) konzentriert sich auf die äußeren Faszien (Muskelhüllen). Die viszerale Therapie konzentriert sich auf die Faszien, die Organe wie Darm, Magen oder Leber umhüllen. Sie arbeitet mit viel sanfterem, feinerem Druck und zielt darauf ab, die Eigendynamik und Gleitfähigkeit der Organe wiederherzustellen. Die viszerale Arbeit ist oft neurologischer Natur, während die periphere Arbeit primär mechanisch ist.
Welche Rolle spielen Narben bei Morbus Crohn für die Faszien?
Narben von Operationen sind innere Faszienverklebungen (Adhäsionen). Sie können die natürliche Beweglichkeit des Darms drastisch einschränken und Zug auf die gesamte Bauchfaszie und die Aufhängungen an der Wirbelsäule ausüben. Diese mechanische Einschränkung ist oft eine Hauptursache für anhaltende lokale Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit im Rumpf. Die sanfte Narbenmobilisierung ist ein wichtiger Schritt in der Selbsttherapie, um diese Verklebungen zu lösen.
Führen die Entzündungen im Darm auch zu Verklebungen der peripheren Faszien?
Ja, indirekt. Die viszerale Spannung strahlt über die faszialen Zugketten in die peripheren Faszien aus (z.B. die Thorakolumbale Faszie im Rücken oder die Faszien der Hüfte über den Psoas). Zudem führt die neurologische Übererregung durch den Vagusnerv zu einer generellen, reflektorischen Schutzspannung der gesamten Haltemuskulatur. Die Entzündung macht das Gewebe nicht nur im Bauch, sondern auch in der Peripherie steifer und unelastischer.
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🔥 Fazit und Dein nächster Schritt
Dein Bauch ist das emotionale und fasziale Zentrum Deines Körpers. Die Arbeit mit den viszeralen Faszien ist eine der tiefgreifendsten Formen der Selbsthilfe, besonders wenn Du an chronischen Schmerzen leidest, die durch Entzündungen im Bauchraum ausgelöst werden. Indem Du Deine Atmung, sanfte Selbstmassage und Ernährung nutzt, kannst Du die Starre in den Faszien lösen und Deinem Nervensystem signalisieren: Der Bauch ist sicher, der Rücken kann entspannen. Die Reduktion der faszialen Zugspannung im Bauch ist ein direkter Weg zur Entlastung Deiner Lendenwirbelsäule und zur Beruhigung des Vagusnervs. Nutze Deine einzigartige Perspektive als Betroffener und Therapeut, Uli, um diese oft vernachlässigte Ursache für chronische Schmerzen zu thematisieren und Menschen zu helfen, die Ursache ihrer Schmerzen von innen heraus zu verstehen.
Hinweis zu Quellen: Die Inhalte dieses Artikels basieren auf aktuellen faszialen Konzepten, Erkenntnissen aus der Psychoneuroimmunologie und der viszeralen Osteopathie sowie aktuellen Studien zur chronischen Schmerzverarbeitung (u.a. Porges, Schleip).
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