Beckenbodentraining – stabile Mitte, gesunder Rücken & bessere Kontinenz gehören zu den Themen, über die viele erst nachdenken, wenn Beschwerden da sind: plötzliches Tröpfeln beim Husten, diffuse Rückenschmerzen oder ein instabiles Gefühl im Becken. Dabei lässt sich mit einem gezielten Training der tiefen Muskulatur enorm viel vorbeugen – ganz ohne großes Fitnessstudio, Gerätepark oder komplizierte Programme. In diesem Artikel erfährst du, wie dein Beckenboden aufgebaut ist, warum er für deine Faszien- und Rückengesundheit so wichtig ist und wie du mit einfachen Beckenboden Übungen Schritt für Schritt mehr Stabilität, Kontrolle und Wohlbefinden aufbaust – ideal auch als Beckenbodentraining zuhause.

Beckenboden verstehen: Anatomie, Funktion & Verbindung zu Rücken und Faszien

Der Beckenboden ist kein „kleiner Muskel unten im Becken“, sondern ein komplexes muskuläres Netzwerk, das sich wie eine elastische Hängematte zwischen Schambein, Steißbein und den Sitzbeinhöckern spannt. Mehrere Muskelschichten und Faszienlagen arbeiten hier eng zusammen, um Organe wie Blase, Gebärmutter oder Prostata zu tragen, den Druck im Bauchraum auszugleichen und Bewegungen aus der Wirbelsäule in die Beine und umgekehrt harmonisch zu übertragen. Wenn du gehst, lachst, niest, etwas anhebst oder dich aufrichtest, ist dein Beckenboden praktisch immer beteiligt – idealerweise, ohne dass du es bewusst merkst.

Funktionell gehört der Beckenboden zur sogenannten tiefen Rumpfmuskulatur. Zusammen mit dem Zwerchfell, der tiefen Bauchmuskulatur und der tiefen Rückenmuskulatur bildet er eine Art „Kraftzylinder“, der deine Wirbelsäule stabilisiert. Dieser Zylinder ist über das Fasziennetz mit nahezu allen Strukturen deines Körpers verbunden. Wenn wir von Beckenboden und Faszien sprechen, meinen wir genau dieses Zusammenspiel: Ein elastischer, reaktionsfähiger Beckenboden braucht gut gleitende, nicht verklebte Faszien, um Bewegungen und Kräfte gesund zu übertragen.

Wichtig ist: Ein gesunder Beckenboden ist nicht dauerhaft hart angespannt, sondern arbeitet dynamisch. Er kann sich kräftig anspannen, fein dosieren – und wieder vollständig loslassen. Genau diese Fähigkeit geht bei vielen Menschen verloren, wenn sie lange sitzen, immer wieder falsch heben, starkem Übergewicht ausgesetzt sind oder nach Schwangerschaft und Geburt keine gezielte Rückbildung erhalten. Auch chronischer Husten, starke körperliche Belastungen im Job oder intensives Krafttraining ohne korrekte Technik können den Beckenboden dauerhaft überfordern.

Beckenboden und Atmung – warum die Atemtechnik so entscheidend ist

Ein Schlüssel zum Verständnis liegt in der Atmung. Beim Einatmen senkt sich das Zwerchfell nach unten, der Druck im Bauchraum steigt leicht, und der Beckenboden gibt etwas nach. Beim Ausatmen steigt das Zwerchfell wieder nach oben, gleichzeitig kann sich der Beckenboden sanft nach innen-oben anheben. Diese natürliche Kopplung nutzt du bei jedem guten Beckenbodentraining: Beim Ausatmen aktivieren, beim Einatmen loslassen. Hältst du beim Training die Luft an und presst, erhöhst du massiv den Druck im Bauchraum – der Druck geht nach unten und belastet den Beckenboden.

Für viele ist der Beckenboden zunächst abstrakt, weil wir ihn nicht sehen können und selten darüber sprechen. Ein guter Einstieg ist deshalb die Wahrnehmung: Wo sitzt dein Becken im Raum? Wie fühlt sich der Kontakt der Sitzbeinhöcker zur Unterlage an? Spürst du Unterschiede zwischen links und rechts? Schon solche Fragen bringen dich in Kontakt mit Strukturen, die lange „durchgehalten“, aber wenig Beachtung bekommen haben. Wer den Beckenboden anspannen lernen möchte, beginnt immer mit dieser Körperwahrnehmung.

Becken in Verbindung zur Wirbelsäule
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Aus therapeutischer Sicht ist der Beckenboden ein zentraler Schnittpunkt: Er beeinflusst die Haltung, die Statik der Wirbelsäule, die Kraftübertragung beim Gehen und Laufen, aber auch so intime Bereiche wie Kontinenz und Sexualität. Studien zeigen, dass gezieltes Beckenbodentraining bei vielen Formen von Harninkontinenz zu deutlichen Verbesserungen führen kann und als konservative Therapie in Leitlinien empfohlen wird. Gleichzeitig eignet es sich hervorragend zur Prävention – also, bevor überhaupt Beschwerden auftreten.

Ursachen für Beckenbodenprobleme & typische Symptome

Beckenbodenprobleme können viele Gesichter haben. Häufig werden sie erst dann wahrgenommen, wenn der Körper sehr deutliche Signale sendet – zum Beispiel in Form von ungewolltem Urinverlust beim Husten, Niesen oder Sport. Für viele ist das mit Scham besetzt, weshalb dieses Thema lieber verschwiegen wird. Genau das führt aber dazu, dass Beschwerden lange bestehen und sich verfestigen können, obwohl frühes Beckenbodentraining bei Inkontinenz und Instabilität oft sehr gute Erfolge bringt.

Medizinische Leitlinien und aktuelle Forschungsarbeiten nennen eine Reihe von Risikofaktoren, die den Beckenboden schwächen oder seine Funktion stören können: etwa Schwangerschaft und vaginale Geburten, Bindegewebsschwäche, Übergewicht, chronischer Husten, schwere körperliche Arbeit, bestimmte Operationen im Beckenbereich oder langjährige Verstopfung mit starkem Pressen beim Toilettengang. Auch hormonelle Veränderungen, zum Beispiel in den Wechseljahren, können das Gewebe vulnerabler machen.

Typische Anzeichen für einen geschwächten oder überforderten Beckenboden

  • unfreiwilliger Urinverlust beim Lachen, Husten, Niesen, Springen oder Heben
  • häufiger, schwer kontrollierbarer Harndrang („Dranginkontinenz“)
  • Gefühl von „Schwere“ oder Druck im Beckenbodenbereich
  • Rückenschmerzen im Lendenwirbelsäulenbereich ohne klare Ursache
  • Vermindertes Empfinden oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr
  • Gefühl, die Blase nicht vollständig entleeren zu können

Nicht immer ist der Beckenboden nur zu schwach – manchmal ist er auch zu angespannt. Dann halten Betroffene unbewusst ständig gegen, z. B. durch stressbedingtes Klammern, schlechte Sitzhaltung oder Angst, „loszulassen“. In diesen Fällen kann sich ein Teufelskreis aus Überlastung, Schmerzen und noch mehr Anspannung entwickeln. Wer den Beckenboden stärken möchte, braucht deshalb immer beides: Beckenboden entspannen und gezielt kräftigen. Ein zentraler Baustein jedes Trainings lautet: erst spüren und loslassen, dann aktivieren, danach dosiert aufbauen.

Fachgesellschaften weisen darauf hin, dass ein strukturiertes, über mehrere Monate angeleitetes Beckenbodentraining bei vielen Formen von Inkontinenz und Beckenbodenfunktionsstörungen als erste Therapieoption gilt – oft bevor Medikamente oder operative Verfahren zum Einsatz kommen. Das gilt insbesondere für Stress- und Mischinkontinenz, aber auch für leichte Formen von Organabsenkungen. Entscheidend ist dabei, dass die Beckenboden Übungen korrekt ausgeführt werden und Betroffene die richtigen Muskeln ansteuern.

Wer besonders von Beckenbodentraining profitiert

  • Frauen nach Schwangerschaft und Geburt: zur Rückbildung und Stabilisierung der Becken- und Lendenregion. Spezielles Beckenbodentraining in der Schwangerschaft und nach der Geburt hilft, spätere Inkontinenz und Senkungsbeschwerden zu vermeiden.
  • Menschen mit sitzender Tätigkeit: zur Entlastung von Wirbelsäule und Faszien, besserer Haltung und Aktivierung der tiefen Muskulatur – ideal als Beckenbodentraining bei Rückenschmerzen.
  • Sportler:innen: zur Verbesserung der Rumpfstabilität, Kraftübertragung und als Schutz bei intensiven Belastungen (z. B. Functional Fitness, Laufen, Sprünge).
  • Männer nach Prostata-Eingriffen: zur Unterstützung der Kontinenz und Wiederherstellung der Muskelkoordination – hier ist gezieltes Beckenbodentraining für Männer ein wichtiger Bestandteil der Rehabilitation.
  • Menschen mit chronischen Rückenbeschwerden: als Ergänzung zur Faszien- und Wirbelsäulentherapie, um Stabilität von innen aufzubauen.

Wichtig: Beckenbodentraining ist keine „Frauenfitness“, sondern ein zentrales Stabilitätstraining für alle. Männer profitieren ebenso von einer gut arbeitenden Beckenbodenmuskulatur – nicht nur in Bezug auf Kontinenz, sondern auch hinsichtlich Stabilität, Haltung und sexueller Funktion. Wird der Beckenboden in ein ganzheitliches Konzept mit Faszientherapie, Rückentraining und Medical Fitness eingebunden, können sich Effekte gegenseitig verstärken – genau hier setzt die Arbeit in unseren FASZINIEREND®-Praxen an.

Uli Pötter
Ulis Tipp: Baue dein Beckenbodentraining zuerst an vorhandene Routinen an – etwa Zähneputzen, Kaffeepause oder Abendnachrichten. So wird aus einer „Zusatzaufgabe“ nach kurzer Zeit ein selbstverständlich eingebauter Bestandteil deines Tages. Gerade Beckenbodentraining zuhause profitiert enorm davon.

Praxis: Beckenbodentraining Schritt für Schritt im Alltag

Beckenbodentraining muss weder kompliziert noch zeitaufwendig sein – aber es braucht Struktur, Regelmäßigkeit und ein gutes Gefühl für Dosierung. Sinnvoll ist es, mit einer Wahrnehmungsphase zu beginnen, dann gezielt zu aktivieren und erst im dritten Schritt die Intensität zu steigern. Leitlinien empfehlen meist einen Zeitraum von mindestens drei Monaten, um spürbare und objektiv messbare Effekte zu erzielen. Für dich bedeutet das: Lieber konsequent täglich 5–10 Minuten Beckenboden Übungen, als einmal pro Woche eine große Einheit.

Hilfreich ist das Bild eines Fahrstuhls: In der „Erdgeschoss-Position“ ist dein Beckenboden entspannt. Wenn du ihn aktiv anspannst, fährt er sanft in höhere „Etagen“, ohne dass du gleichzeitig Bauch, Gesäß oder Schultern mit verkrampfst. Kannst du dieses Gefühl klar wahrnehmen, hast du eine sehr gute Basis, um den Beckenboden anspannen zu lernen – und später in komplexere Bewegungen zu integrieren. Im Folgenden findest du eine einfache, aber effektive Grundroutine, die du an dein Niveau anpassen kannst und die sich hervorragend als Beckenbodentraining zuhause eignet.

Kurzanleitung: Deine Basis-Routine für den Beckenboden

  1. Schritt 1: Wahrnehmung im Sitzen
    Setz dich aufrecht auf einen festen Stuhl, beide Füße hüftbreit am Boden. Spüre deine Sitzbeinhöcker. Stelle dir nun vor, du willst sanft Harnfluss und Luft zurückhalten – ohne dabei das Gesäß zusammenzukneifen. Halte die Spannung für 3–5 Sekunden und lasse dann vollständig los. Wiederhole das 8–10 Mal mit ruhiger Atmung. Das ist die Grundlage, um deinen Beckenboden überhaupt bewusst zu spüren.
  2. Schritt 2: Atmung und Beckenboden koppeln
    Lege eine Hand auf den unteren Bauch. Atme durch die Nase ein und stell dir vor, wie sich dein Beckenboden minimal nach unten ausdehnt. Beim langen Ausatmen durch den Mund ziehst du ihn sanft nach innen-oben. Wichtig: Der Bauch darf weich bleiben, die Schultern entspannt. 8–12 Wiederholungen. Diese Übung verbindet Beckenboden und Atmung und hilft dir zugleich, den Beckenboden zu entspannen, wenn du bewusst loslässt.
  3. Schritt 3: Dynamische Aktivierung in Rückenlage
    Lege dich auf den Rücken, stelle die Füße auf. Aktiviere den Beckenboden beim Ausatmen, halte kurz und kippe das Becken minimal Richtung Bauchnabel, ohne ins Hohlkreuz zu fallen. Beim Einatmen lösen. 10–12 Wiederholungen im ruhigen Flow. Du kannst diese Übung gut als Beckenbodentraining bei Rückenschmerzen nutzen, weil sie die Lendenwirbelsäule entlastet und tief stabilisiert.
  4. Schritt 4: Stabilisation im Vierfüßlerstand
    Gehe in den Vierfüßlerstand. Aktiviere beim Ausatmen den Beckenboden und strecke langsam einen Arm oder ein Bein nach hinten aus. Halte 3–5 Sekunden, dann wieder lösen und Seite wechseln. 6–8 Wiederholungen pro Seite. Hier verbindest du Beckenboden Übungen mit Ganzkörperstabilität – ideal, um dich auf Alltagsbewegungen oder Sport vorzubereiten.
  5. Schritt 5: Übertragung in den Alltag (im Stand)
    Stelle dich aufrecht hin, Gewicht gleichmäßig verteilt. Aktiviere deinen Beckenboden bei typischen Alltagsaktionen – z. B. bevor du etwas Schwereres anhebst, Treppen steigst oder die Einkaufstasche aus dem Kofferraum holst. Mit der Zeit wird diese „Voraktivierung“ zur Gewohnheit und entlastet deinen Rücken. So wird aus Beckenbodentraining im Alltag ein unsichtbarer, aber wirksamer Schutzfaktor.

Wenn du bereits erfahren bist oder in einem Training wie Functional Fitness, Krafttraining oder intensiven Sportarten aktiv bist, lohnt sich eine Kombination aus Beckenbodentraining und Faszientraining. Hierzu findest du in unserem Blog mehrere Beiträge, die dir zeigen, wie du Faszienrolle, dynamisches Dehnen und Medical Fitness sinnvoll verbindest:

Weiterführend: Faszientraining in Hohen Neuendorf: Warum deine Faszien Bewegung lieben · Faszientherapie in Hohen Neuendorf: Behandlung & Prävention bei chronischen Beschwerden

Gerade bei bestehenden Beschwerden wie Blasenentzündung oder wiederkehrenden Harnwegsinfekten kann ein ganzheitlicher Blick wichtig sein: Flüssigkeitsmanagement, Toilettengewohnheiten, Beckenbodenfunktion und Fasziengesundheit greifen ineinander. In unserem Artikel zur Blasenentzündung im Blog erfährst du mehr über Ursachen, Symptome und Präventionsstrategien – eine sinnvolle Ergänzung zu deinem Beckenbodentraining.

Uli Pötter
Ulis Tipp: Nimm dir alle 4–6 Wochen einen festen Termin, um dein Beckenbodentraining zu „checken“: Fühlt sich die Anspannung klarer an? Kannst du länger halten? Ist dein Rücken entspannter? Kleine Fortschritte bewusst wahrzunehmen, ist der beste Motivator, langfristig dranzubleiben – gerade wenn du Beckenbodentraining zuhause machst.

Fazit

Beckenbodentraining ist weit mehr als ein paar heimliche „Kegel-Übungen“ – es ist ein zentraler Bestandteil ganzheitlicher Körperarbeit. Ein gut funktionierender Beckenboden stützt deine Organe, entlastet die Wirbelsäule, verbessert deine Haltung und kann Beschwerden wie Inkontinenz, Rückenschmerzen oder ein instabiles Becken deutlich reduzieren. Entscheidend sind dabei drei Dinge: erstens ein klares Verständnis der Funktion, zweitens eine saubere Ausführung mit bewusster Atmung und drittens eine alltagstaugliche Routine, die du langfristig umsetzen kannst.

Ob du Beckenbodentraining in der Schwangerschaft, nach einer Geburt, bei Rückenschmerzen oder einfach präventiv durchführen möchtest – die Prinzipien bleiben gleich: Wahrnehmen, entspannen, gezielt aktivieren und dann in deine Bewegungen integrieren. Wenn du zusätzlich mit Faszientherapie, Medical Fitness und einem strukturierten Training für Rumpf- und Rückenmuskulatur arbeitest, verstärken sich die Effekte gegenseitig – dein Körper gewinnt an Elastizität, Stabilität und Belastbarkeit. Genau hier setzen wir bei FASZINIEREND® an: mit einem Konzept, das Ursachen aufspürt, gezielt behandelt und dich aktiv in den Prozess einbindet. Dein Beckenboden ist ein stiller, aber extrem wichtiger Partner – gib ihm die Aufmerksamkeit, die er verdient.

Quellen & weiterführende Literatur

  • Bø K (2004): Pelvic floor muscle training is effective in treatment of female stress urinary incontinence, but how does it work? International Urogynecology Journal, 15(2):76–84. https://doi.org/10.1007/s00192-004-1125-0.
  • Bø K (2012): Pelvic floor muscle training in treatment of female stress urinary incontinence, pelvic organ prolapse and sexual dysfunction. World Journal of Urology, 30(4):437–443.
  • NICE (2021): Pelvic floor dysfunction: prevention and non-surgical management (NG210). National Institute for Health and Care Excellence. https://www.nice.org.uk/guidance/ng210 (Abruf: 13.11.2025).
  • NICE (2019): Urinary incontinence and pelvic organ prolapse in women: management (NG123). https://www.nice.org.uk/guidance/ng123 (Abruf: 13.11.2025).
  • International Continence Society (2021): Incontinence, 7th Edition – ICI-ICS International Consultation on Incontinence. https://www.ics.org/ici/ (Abruf: 13.11.2025).